Ásatrú

(Weitergeleitet von Asatru)
Der schützende, heil und fruchtbringende Mjölnir, Donars Hammer, wird von manchen Ásatrúar getragen.

Eine der grösseren Strömungen innerhalb des Neuheidentums ist eine "germanische" Richtung, mit Bezugnahme auf die historische Religion der Germanen. Diese religiöse Strömung entsteht bereits um 1900 mit den verschiedenen "germanenmystischen" oder "deutschgläubigen" Bewegungen ("Deutschgläubige Gemeinschaft" 1911), "Germanenorden" 1912), "Germanische Glaubens-Gemeinschaft" 1907). Sie verschwand aber weitgehend wieder schon während der Nazi-Herrschaft, insbesondere infolge der "Anti-Freimaurerei-Gesetze" von 1935.

Eine Wiederbelebung des germanischen Neuheidentums datiert auf etwa 1970, und fand hauptsächlich in den USA als Abspaltung von Wicca statt, diesmal unter dem Namen Ásatrú (ein rekonstruierter altnordischer Begriff mit der Bedeutung "Asen-Treue"). Seit etwa 1990 fasste diese Bewegung auch im deutschsprachigen Europa und in Skandinavien Fuss. Heute besteht innerhalb des Überbegriffs des "germanischen Neuheidentums" bzw. "Asatru" ein weitverzweigtes "alternativreligiöses Feld" (Gründer 2008) mit unterschiedlichen Ansätzen. Im einzelnen unterscheidbar sind etwa:

  • "kosmotheistische" oder "naturreligiöse" Spiritualität, eine lose von der Terminologie oder Ästhetik der historischen Germanen inspirierte Spiritualität, oft mit weitreichendem Synkretismus mit anderen neureligiösen Systemen aus Okkultismus und Esoterik.
  • 'Rekonstruktionismus des historischen Polytheismus, meist der wikingerzeitlichen Religion Skandinaviens, vereinzelt auch völkerwanderungszeitlicher Stämme (Alemannen-Reenactment u.a.); meist beschränkt man sich auf Rekonstruktion der Terminologie, während die eigentliche Praxis den modernen Umständen angepasst wird (schon wegen heute nicht praktikablen Riten wie Tier- oder Menschenofper)
  • "Alte Sitte", auf Brauchtum und Volksglauben abgestützte Spiritualität (nicht notwendigerweise eine theistische Religion im engeren Sinn)

Bezeichnungen

Ásatrú (Aussprache /'a:satru:/, neuislandisch /'ausatru:/, mit Ton auf der ersten Silbe) ist ein altnordischer bzw. isländischer Neologismus bestehend aus ’’ása’’, dem Genitiv von altnordisch ’’áss’’ "Ase, Gottheit)"und ’’trú’’ "Treue".

Das Wort an sich ist eine Lehnübersetzung des dänischen Begriffs ’’asetro’’, welcher 1870 von Edvard Grieg in seiner unvollendeten Oper „Olaf Tryggvason“ als Bezeichnung für den Heidnischen Glauben der Nordländer verwendet wurde (im deutschen Libretto übersetzt als Asenthum). Die isländische Schreibweise wurde erstmals 1945 von Ólafur Briem in seinem Werk „Heiðinn siður á Íslandi“ ("Heidnische Sitten auf Island") verwendet.

Ásatrú bezeichnete also bei seiner Prägung ganz spezifisch die wikingerzeitliche Religion Skandinaviens. Mit der Verwendung durch die isländische Ásatrúarfélagið seit 1973 wurde der neuisländische Begriff umgedeutet zu einer viel allgemeineren Bedeutung von "Neuheidentum" jeglicher couleur. Gleichzeitig, ebenfalls seit 1973, wurde Ásatrú in den USA verwendet und erhielt dort, als englischer Begriff, mehr oder weniger die Bedeutung von "germanischem Neuheidentum". Im deutschsprachigen Neuheidentum wurde der Begriff aus dem Amerikanischen (nicht aus dem Isländischen) übernommen, und sein Gebrauch richtet sich daher weitgehend nach dem Amerikansichen.

Eine weitere Bezeichnung für den alten heidnischen Glauben, die ab und zu synonym für Ásatrú benutzt wird, ist Forn Siðr. Auch Forn Siðr ist ein altnordisch-isländischer Begriff, der so viel wie Alte Sitte oder wörtlich Firne Sitte bedeutet. Er setzt sich zusammen aus altnordisch forn (dt. alt, firn; vgl. gotisch fairns, altenglisch fyrn, ahd. firn) und altnordisch siðr (dt. Sitte; vgl. gotisch sidus, altenglisch sidu, ahd. situ). So wie der Begriff Firnschnee Schnee des letzten Jahres bezeichnet, so pflegen die Anhänger der alten oder firnen Sitte (Firner Situ/Forn Siðr) die Sitten und Traditionen, welche ihren Ursprung in dem vergangenen Äon, dem Äon der heidnischen Götter haben. Die Treue zu den germanischen Göttern wird hier als Teil der alten Sitten betrachtet. Zu den alten Sitten zählt man beispielsweise unter vielen anderem das Anbrennen von Feuerrädern zu Weihnachten, das Perchtenlaufen, das Anzünden von Osterfeuern und das Feiern des Mittsommerfestes.

Besonders in England und in Australien wurde seit den 1960ern auch Odinism ("Odinismus") verwendet, nach dem Hauptgott Odin. Von Odinism zu unterscheiden ist, obwohl im Wortsinne gleichbedetend, Wotanism: letzteres ist der vom amerikanischen Rechtsextremen David Lane verwendete Begriff für seine Ideologie (unter nordamerikanischen Neonazis wird "WOTAN" gerne als Abkürzung von Will Of The Aryan Nation verstanden). In Nordamerika bestand seit 1971 ferner als von Asatru abgegrenzte Form des germanischen Neuheidentums Theodism (d.h. "Theod-ismus", auch Þéodisc Geléafa, die altenglische Entsprechung von "Deutschglauben"). Hierbei handelt es sich um den Versuch der Rekonstruktion der frühen germanischen Gesellschaftsstruktur in kleinen Eid-Gemeinschaften ("Theods").

Zahlreiche weitere Selbstbezeichnung sind im Umlauf, im Englischen insbesondere "Heathenism" bzw. "Heathenry" (eigentlich einfach "Heidentum", aber durch Verwendung des germanischen Wortes unterschieden vom im Englischen gebräuchlicheren paganism), in Deutschland teilweise einfach "germanisches Heidentum", bzw. teilweise "traditionelles germanisches Heidentum". Daneben werden Ausdrücke wie "Alter Glaube", Urglaawe usw. verwendet.

Religionsinhalte

Gottheiten

Ásatrú ist eine kosmotheistische Religion die auch als "Diesseits-", "Natur-", oder "Erfahrungsreligion" bezeichnet wird. Asatru beinhaltet verschiedene Götter und andere natürliche Wesenheiten, wie z.B. Landwichte, Fruchtbarkeitswesen oder zerstörerische Kräfte. Die Hauptgottheiten der nordisch, d.h. skandinavisch orientierten Ásatrúar stellen die beiden Geschlechter der nordischen Asen und Wanen, die in der kontinentallen Asatru-Ausprägung ihre ungefähre kultische Entsprechungen in Wotan, Donar und z.B. in Holle haben und auch durch regionale Gottheiten wie z.B. Saxnot, Jecha und Tanfana erlebt werden.
Entsprechend der nordischen Mythologie werden am Ende des sogenannten Wanenkrieges alle uns namentlich bekannten Wanengötter in die Reihen der Asen aufgenommen.

Nordische Gottheiten

  • Wodan / Odin (an. Óðinn) ist der einäugige Himmels- und Windgott. Er wird unter anderem als Allvater bezeichnet, da er Vater aller Asen ist. Seine Verehrung nimmt teilweise monotheistische Züge an.
  • Donar / Thor (an. þórr) der Donnergott, ist Wodans und Erdas (an. 
Jörð) Sohn.
  • Fro Ing / Frey (an. Freyr) ist ein Name des germanischen Fruchtbarkeitsgottes. Er gehört ursprünglich zu den Wanen.
  • Frouwa / Freya (an. Freyja) ist die Göttin der Liebe.
  • Frick / Frigg (an. Frigg) ist Wodans Gemahlin. Sie ist auch als Frau Holle bekannt.
  • Ziu / Tyr (an. Týr) ist der einhändige Ase, welcher der Gott des Krieges und der Treue ist.

Kontinentalle Gottheiten

Neben den oben genannten Gottheiten werden etliche kontinentalle Gottheiten wie Wotan, Donar, Baduhenna, Ostara, Tanfana, Holle, Hludana, Jecha, Biel, Saxnot, und z.B. Nehalennia gewürdigt und gestärkt.

Genauere Angaben hierzu findet man unter anderem in den Artikeln Germanische Mythologie und Kontinentalgermanische Mythologie.

Naturverehrung

Wie auch in anderen neuheidnischen Strömungen oft üblich, dient Anhängern der Ásatrú oft der religionswissenschaftlich nicht abgesicherte Begriff der Naturreligion zur Selbstbeschreibung. Darunter wird zum einen eine "natürlich" gewachsene Religion - im Unterschied zu Offenbarungsreligionen - verstanden, zum anderen auf die zentrale Rolle der Natur als Quelle der religiös-spirituellen Erfahrung verwiesen. Die Natur wird von einem Teil der Ásatrú-Anhänger als beseelt (Animismus) und heilbringend empfunden.

Religiöse Praxis

Blót

Als Bloz oder Blót (ahd. bluoz; an. blót; aeng. blôt) wird das germanische Opferfest bezeichnet. Es ist prinzipiell ein gemeinschaftliches Gebet, in dem die Götter angerufen, geehrt und gestärkt werden. Etymologisch leitet sich das Wort Blot von dem indogermanischen *bhlâd...“geschwollen“ sein ab. Eine Gottheit zu blozen/bloten (ahd. blôzan; an. blóta; aeng. blôtan) bedeutet demnach soviel wie „eine Gottheit stärken“. (Eine unmittelbare Verwandtschaft zu Blut, wie immer wieder behauptet wird, besteht nach derzeitigen sprachwissenschaftlichen Kenntnissen nicht.) Das dargebrachte Opfer (ahd. bluostar), mit dem die Ásatrúar ihre Beziehungen zu den jeweiligen Gottheiten intensivieren wollen bzw. mit dem sie die entsprechenden Gottheiten stärken wollen, steht in einer bestimmten Beziehung zu den jeweiligen Göttern und wird u.a. in Form von Nahrungsmitteln, Kunstgegenständen und Gebildegebäck dargebracht. Häuser bzw. Tempel in denen die Götter geblozt wurden nannte man im Althochdeutschen plôzhûs („Blozhaus“), wobei heute gemeinsam meist im Freien geblozt wird. Volksetymologisch leicht abgewandelt findet man in dem Namen Blocksberg (Blozberg) das Bloz wieder.


Sumbel

Das Sumbel (an. sumbl; aeng. symbel, as. sumbal) ist vereinfacht gesprochen ein ritueller Umtrunk bzw. ein rituelles Trinkgelage. Grob umrissen läuft ein Sumbel wie folgt ab: Es wird im allgemeinem von einem Sumbelgeber (as. symbelgifa) eröffnet, geleitet und beendet. In der Mitte der Teilnehmer befindet sich ein Kessel, welcher mit Met oder Äl gefüllt ist. Nach der Weihe des Kessels wird ein Trinkhorn mit dem Trank aus diesem Kessel gefüllt. Anschließend kreist dieses Trinkhorn gleich dem Lauf der Sonne (Uhrzeigersinn) unter den Teilnehmern des Sumbels. Als Standard werden in der Regel mindestens drei Sumbelrunden durchgeführt. In der ersten Runde erfolgt durch das Äußern von Trinksprüchen ein Trinken auf die Götter. In der zweiten Runde gedenkt man der verstorbenen Angehörigen. Während der dritten und den folgenden Runden werden von den Teilnehmern Eide geschworen, Gelübde abgelegt und auch Lieder oder Gedichte zum Besten gegeben, oft in Achtung an Bragi, dem Dichtergott. Nach diesen drei Sumbel-Runden, die oft als heilige und soziale Pflicht gegenüber den Göttern, Ahnen und öffentlich vor Götter und Menschen abgelegten Eiden verstanden werden, folgen gern weitere Runden in denen das Horn kreist, wobei weitere Bitten, Wünsche und Erinnerungen an verstorbene Sippenmitglieder, Verwandte, Freunde und Bekannte ausgesprochen werden. Die Zuhörer in der Sumbel-Runde quittieren diese öffentlichen und teils intimen Aussagen oft mit den Worten Heil oder z.B. 'Dir Heil'.

Gebet

Das persönliche Gebet ist, wie der Name sagt, eine Bitte, der an die Götter im allgemeinen oder auch an einen Gott speziellen gerichtet ist. Ein Gebet wird im allgemeinen in aufrecht stehender Haltung gesprochen. Doch gibt keine allgemeine Gebetsrichtung oder spezielle Körperhaltung die es einzunehmen gilt.

Galster

Galster (ahd. galstar, aeng. gealdor, an. galdr) ist eine Art des rituellen Gesanges oder Dichtens unter Verwendung des Stabreimes bei stark parallelistischem Versaufbau.

Seiðr

Im neugermanischen Heidentum wird versucht Seiðr-Praktiken neu zu beleben, bzw. neu zu erfinden. Seiðr wird dabei oft verkürzend missinterpretiert als eine speziell schamanische Form magischer Praxis, die etwas speziell Weibliches an sich habe und eng mit der Praxis der Seherinnen (Völven oder Völvas) zusammenhänge. Diese Form der Magie wird dann von anderen magischen Praktiken abgegrenzt, wie z.B. der Runenmagie oder dem "galdr", die eher rituellen Charakter aufweisen. So wird Seiðr, das heute als eher aus dem Bauch kommend verstanden wird und vor allem mit Geistreisen und veränderten Bewusstseinszuständen zu tun habe, von magischen Praktiken bei denen es stärker auf Beherrschung genauer Formeln oder strenger Ritualvorgaben ankommt, abgegrenzt. Der ursprünglichen Wortbedeutung nach unmfasst Seiðr aber alle dieser verschiedenen Praktiken.

Ynglinga Saga, Kap. 7:

Odin praktizierte und beherrschte die Kunst, die am mächtigsten ist, und Magie ("Seiðr") genannt wird, und dadurch kannte er das Schicksal der Menschen und die Gefahren der Zukunft und ebenso, wie man einem Menschen den Tod oder Unglück oder eine Krankheit bringt und wie man die Menschen um Heil, Kraft und Verstand bringt und sie jemand anderem gibt.

(Siehe auch 'Odins Runenlied' in Havamal).


Bestattungssitten

Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehlt
Die Schiffssetzung (Friedhof) in Reykjavík

Asentreue bestatten Ihre Verstorbenen üblicherweise in bzw. bei sog. Schiffssetzungen. Bislang gibt es drei offizielle Bregräbnisstätten für Ásatrú-Anhänger: der Grafreitur Ásatrúarfélagsins auf dem Gufuneskirkjugarði bei Reykjavík, der Assistens Kirkegård in Odense und der Voksen kirkegård in Oslo.

Orakel

...

Die Edda

Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehlt
Deckblatt einer isländischen Abschrift (18. Jh.) der Snorra-Edda

Die Edda oder genauer gesagt die beiden Bücher der Lieder-Edda und der Prosa-Edda sind für die meisten Ásatrúar die wichtigsten Quellen im Bezug auf die germanische Mythologie.
Die Lieder-Edda erzählt in stabreimenden Liedern von Göttern und Helden. Die Helden werden hierbei oftmals als Hypostase der Götter verstanden.
Die Snorra-Edda ist eigentlich ein Lehrbuch für Skalden, beschreibt aber insbesondere im Abschnitt der Gylfaginning („König Gylfes Erscheinung“) ausführlich die Begebenheiten der germanischen Götterwelt.
Unter den Eddaliedern nehmen „Die Lieder des Hohen“ (an. Hávamál) eine besondere Stellung ein. Während die meisten Eddalieder rein mythologische Themen wiedergeben, beinhalten „Die Lieder des Hohen“ (Der Hohe ist eine Bezeichnung für den Gott Wodan) neben mythologischen Inhalten vor allem Spruchweisheiten, die vielfach der ethischen Orientierung dienen.
Abgesehen von der Edda werden auch andere literarische Quellen u.a. die Germania des Tacitus, die nordische Sagaliteratur und Volkssagen konsultiert.

Geschichte

Angelsächsische Welt

Asatru in den USA beginnt in den frühen 1970ern mit Publikationen (newsletters) von Else Christensen ("The Odinist") und Stephen McNallen ("The Runestone"). Christensen wurde inspiriert durch Alexander Rud Mills, der in Australien bereits seit den 1960ern eine "odinistische" Gruppe betrieb.

McNallen begründete 1973 die Organisation Asatru Free Assembly, später umbenannt in Ásatrú Folk Assembly (AFA).[ Die AFA zerbrach 1987 an internen Konflikten zwischen einem biologistisch-ethnisch (folkish "völkisch") orientierten Flügel mit Kontakten in die rechtsextreme Szene, und einen kulturell (universalist) orientierten Flügel, der sich von genetischen bzw. biologistischen Definition einer "Religion der Nordeuropäer" distanzieren wollte. Nach diesem Bruch, der die Struktur des nordamerikanischen Asatru bis heute dominiert, wurden als Nachfolgeorganisationen vom "rechten" Flügel die Ásatrú Alliance, vom "linken" Flügel der Ring of Troth gebildet.

The Odinic Rite of Australia subsequently obtained tax deductible status from the Australian Tax Office. The ATO accepts this as the definition of Odinism: "the continuation of ... the organic spiritual beliefs and religion of the indigenous peoples of northern Europe as embodied in the Edda and as they have found expression in the wisdom and in the historical experience of these peoples".

Das germanische Neuheidentum war in Grossbritannien zunächst unter dem Begriff "Odinismus" (Odinism) bekannt. Seit 1972 bestand in England die Vereinigung Odinic Rite. Seit den 1990er Jahren bestand dann eine zunehmende Beeinflussung durch die nordamerikanischen Formen von Asatru. In England sind Neudruiden und keltisches Neuheidentum weiter verbreitet als germanisch orientierte Gruppen.

Island und Skandinavien

1972] wurde die Ásatrú in Island als offizielle Religion anerkannt. Begründer der isländischen Bewegung „Ásatrúarfélagið“ war der Dichter Sveinbjörn Beinteinsson. (Netzauftritt der isländischen Ásatrúarfélagið (Isländisch))

Zu Beginn der 1990er Jahre wurde durch den Zusammenschluss der Wikingergruppe „Tor Hjälpe“, der Seið-Gruppe „ Yggdrasill“ und anderer Gruppierungen die heutzutage größte schwedische Ásatrú-Verbindung, „Sveriges Asatrosamfund“, gegründet. Nahezu parallel hierzu gründete sich die „Samfäldigheten för Nordisk Sed“ als Dachverein für fünf Lokalgruppen (sog. Gäll), die sich aus hier nicht weiter aufgeführten Gründen nicht im „Sveriges Asatrosamfund“ organisieren wollten. Im Jahre 1999 begann unter Keeron Ögren eine Umorganisation, im Sinne einer verstärkten Zentralisierung des anfänglichen Dachvereins entsprechend der neuen gesetzlichen Richtlinien der schwedischen Regierung für Glaubensgemeinschaften. Infolge dieser Umstrukturierungen trennte sich das sog. „Torsåker Gäll“ aus der „Samfäldigheten för Nordisk Sed“ und löste sich später ganz auf. (Grølheims Dokumentationsseite (Dänisch)

In Norwegen gründete sich Anfang der 1980’er Jahre auf Initiative von Egil Haraldson Stenseth die „Åsatrosamfundet Bifrost“, welche sich allerdings bis zum Ende der 1980’er Jahre wieder auflöste. 1993 gelang es Egil Haraldson Stenseth in Zusammenarbeit mit Katrine Åstorp, die auf Island den damaligen Allsherjargoden und Stifter der „Ásatrúarfélagið“, Sveinbjörn Beinteinsson, kennengelernt hatte, die „Åsatrosamfundet Bifrost“ wiederzubeleben. 1996 wurde die „Åsatrosamfundet Bifrost“ offiziell von der norwegischen Regierung als Glaubensgemeinschaft anerkannt.
1997 wurde der von Island nach Norwegen umgezogene Jón Júlíus Fillippusson Mitglied in der „Åsatrosamfundet Bifrost“. Aufgrund interner Divergenzen verließ er jedoch nach nur einem Jahr die „Åsatrosamfundet Bifrost“ und gründete mit fünf weiteren ehemaligen Bifrost-Mitgliedern die „Foreningen Forn Sed“. 1999 wurde „Foreningen Forn Sed“ gleichfalls von der norwegischen Regierung als Glaubensgemeinschaft offiziell anerkannt. (Grølheims Dokumentationsseite (Dänisch))

Zum neunjährigen Bestehen von Forn Siðr (Dänemark) wurde ein Runenstein gesetzt

Auch in Dänemark schlossen sich zunächst 12 Personen insbesondere aus verschiedenen Wikingergruppen im Namen der Ásatrú zusammen, was zur Gründung der „Forn Siðr - Asa- og Vanetrosamfundet i Danmark" am 15. November 1997 führte. Nach längerem Rechtsstreit wurde Forn Siðr am 6. November 2003 vom dänischen Kirchenministerium offiziell als Glaubensgemeinschaft anerkannt und verfügt seid 2007 über einen eigenen Friedhofsabschnitt. (Netzauftritt der Forn Siðr - Asa- og Vanetrosamfundet (Dänisch))

Deutschland und Kontinentaleuropa

Als älteste teils heidnische orientierte Glaubensgemeinschaft wird oft die 1907 von dem Maler und Dichter Ludwig Fahrenkrog gegründete genannt. Doch man darf bezweifeln das es sich bei Fahrenkrog und der GGG um einen heidnischen Verein handelte. Fahrenkrog beschäftigte sich eingehend mit Jesus, Bibelglauben und mit einer gnostischen Neubewertung des Christentums. Fahrenkrog leitete seine Erkenntnis direkt aus dem Wollen Jesu ab und auch in späteren Schriften finden sich trotz Ablehnung von Christentum und Kirche positive Bezugspunkte zur Person Jesus und des christlichen Mystikers Meister Eckehard.
Die Vereinsregistrierung der GGG wurde 1964 gelöscht und im Jahre 1991 wieder neu beantragt.
Die neue GGG zeigt deutliche Anknüpfungspunkte an ariosophische und theosophische Traditionen, die aus der Völkischen Bewegung rekurrieren.

Im März 1995 wurde in Köln der OR-Deutschland, zunächst als Schwesterorganisation des britischen Odinic Rites unter dem Namen „Odinic Rite Deutschland e.V.“ (ORD) gegründet. Im April 2006 erhielt der Verein auf einstimmigen Mitgliederbeschluss seinen heutigen Namen Verein für Germanisches Heidentum e.V. (VfGH e.V. (Netzauftritt des Vereins für Germanisches Heidentum e.V. (Deutsch))

Im allgemein heidnisch orientierten Rabenclan e.V. organisierte sich 1997 die seither unabhängige Ásatrú-Gruppe "Nornirs Ætt". Die Nornirs Ætt ist überregional organisiert, unterhält aber auch mehrere Untergruppen, die als regionale Thinggemeinschaften "Fylki" genannt werden. Diese Ásatrú-Organisation ist vor allem für ihre langjährige Aufklärungsarbeit gegen rechtsextreme oder rassistische Einflussnahme auf die Ásatrú-Szene bekannt. (Netzauftritt der Nornirs Ætt (Deutsch))

Im August des Jahres 2000 gründete sich mit dem Eldaring e.V. (Ring der Herdfeuer) ein weiterer Verein mit dem Ziel Ásatrú zu leben. 2002 erfolgte beim Amtsgericht Trier die Eintragung als Eingetragener Verein. Der Eldaring hält gute Beziehungen zum dänischen „Forn Siðr - Asa- og Vanetrosamfundet“, zur norwegischen „Åsatrosamfundet Bifrost“ sowie zum niederländischen „Het Rad“ und ist heutzutage mit knapp über 200 Personen (Stand 2009) der wohl mitgliederstärkste Verein in Deutschland, der auch regelmässig um die zwanzig Stammtische in vielen deutschen Regionen anbietet, welche in der Regel von dessen Herdwarten organisiert werden, welche als Kontaktpersonen fungieren.
Seit zehn Jahren gibt der Verein die vereinseigene Asatru-Zeitung namens 'Herdfeuer' heraus. (Netzauftritt des Eldaringes (Deutsch))

Strömungen

Folketro / Funtrad

Die Folketro (folkloristischer Glaube) ist eine Richtung innerhalb der Ásatrú die ihre Grundlage in erster Linie in dem jeweiligen regionalen Volksbrauchtum sieht. Brauchtumselemente wie Volkstänze und Volkslieder mit (z.T. nur fadenscheinigen) vorchristlich-heidnischen Wurzeln werden aufgegriffen und in einen neuen bzw. alten Kontext betrachtet.
Vertreter der Folketro sind insbesondere die beiden Vereinigungen „Foreningen Forn Sed“ in Norwegen und „Samfäldigheten för Nordisk Sed“ in Schweden.
Stringent werden von den Vertretern der Folketro Einflüsse aus New Age, Wicca und den Thelemitischen Lehren Aleister Crowleys abgelehnt.
Die Folketro wird aufgrund dieser Haltung von ihren Kritikern auch als „Funtrad“, was eine Abkürzung für „Fundamentalistisk Traditionalisme“ ist, bezeichnet. (Grølheims Dokumentationsseite (Dänisch))


Die Frage des Universalismus

Insbesondere im angloamerikanischen Sprachraum unterscheidet man zwischen universalist und folkish Ásatrú.

Anhänger des Universalismus sind der Überzeugung, dass das Ausleben des Ásatrú eine Willensentscheidung sei und somit unabhängig von nationaler und ethnischer Zugehörigkeit jede oder jeder diesen Glauben annehmen könne.

Anhänger des ethnischen bzw. völkischen Zweiges (engl. folkish) hingegen vertreten die Ansicht, dass Ásatrú die ethnische Religion der Germanen ist. Religion ist ihrer Meinung nach eine Frage der Vererbung und des Blutes. Hier bestehen mögliche Anknüpfungspunkte des Rechtsextremismus. Dies wird von vielen Anhängern jedoch zurückgewiesen, da es ihnen fern läge andere Ethnien zu diskriminieren, die dementsprechend ihre überlieferte Religion ausleben sollten. Einige Gruppen betreiben diesbezüglich auch eigene Projekte zur Aufklärung, so z.B. das Ariosophie-Projekt der Nornirs Ætt oder die Schriften des Rabenclans.

Die Einteilung in die universalistische oder ethnische/völkische Ausrichtung ist definitorisch problematisch und auch unter den Anhängern der Ásatrú stark umstritten. So wurde z.B. eine dritte Strömung definiert: Das tribalist Ásatrú, welches sich auf die kulturelle Kompenente der germanischen Überlieferung bezieht und sich von ethnischen Merkmalen einerseits und weltweiten Anspruch andererseits abgrenzt. Von vielen Praktizierenden des Ásatrú wird jegliche Unterteilung als nicht anwendbar zurückgewiesen.(Artikel auf eldaring.de: "Folkish oder nicht?"

Literatur

  • René Gründer, Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland. Entstehung, Struktur und Symbolsystem eines alternativreligiösen Feldes, Band 2 von "PeriLog Freiburger Beiträge zur Kultur- und Sozialforschung", 2008.
  • Freya Aswynn: Die Blätter von Yggdrasil. Ed. Ananael, Wien 1991, ISBN 3-901134-01-8 </a> .
  • GardenStone: Germanischer Götterglaube. Asatru - eine moderne Religion aus alten Zeiten. Arun Verlag, Engerda 2003, ISBN 3-935581-40-8
  • Andrea Haugen: Die Alten Feuer von Midgard, Berlin 2003, ISBN 3-935684-01-0.
  • Fritz Steinbock: Das heilige Fest. Rituale des traditionellen germanischen Heidentums in heutiger Zeit. Junker, Hamburg 2004, ISBN 3-938432-00-4.
  • Géza von Neményi: Götter, Mythen, Jahresfeste - Heidnische Naturreligion. Kersken-Canbaz, Holdenstedt 2004, ISBN 3-89423-125-4.

Aufsätze

Weblinks